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KAUM HUNDERT JAHRE IST ES HER

Handwerk und Leben in einer kleinen Stadt    Philippe Fix

 

Joseph Haas schreitet schneller aus. Er ist am Ende seiner Tour und möchte nun bald daheim sein. "Ich nehme die Abkürzung durch den kleinen Wald", beschließt er. "Der Pfad muß doch begehbar sein. Die Sonne steht schon tief am Himmel, es langt mir gerade noch, um bei Seegers vorbeizugehen. Irgend etwas wird mir die Frau schon abkaufen."

Joseph Haas ist Hausierer von Beruf. Sommers wie winters, bei Regen oder Wind geht er von Weiler zu Weiler, von Gehöft zu Gehöft und bietet seine Ware feil: Knöpfe, Bänder, Scheren, Rosenkränze, Kämme, Stoffe, Nähartikel oder Waren nach der neuen Mode...Jedermann findet etwas für seine Bedürfnisse in dem Traggestell, das Joseph bergauf, bergab trägt. Für die Kunden, die abseits auf dem Land wohnen, oft kilometerweit voneinander entfernt, ist der Besuch des Hausierers ein kleines Ereignis. Sein Kommen unterbricht die Einsamkeit und den täglichen Trott.

Man schwatzt, erkundigt sich nach dem und jenem, was in der Welt passiert. Joseph, der wochenlang unterwegs ist, kennt alle Neuigkeiten im Umkreis und weiß, was in jeder Familie los ist. Man bietet ihm etwas zu essen und zu trinken an. Wenn er sich wieder aufmacht, bittet man ihn oft, eine Nachricht zu überbringen an Verwandte oder Freunde, die er vielleicht auf seinem Marsch treffen wird.

Jetzt sind es schon vier Wochen, daß Haas von zu Hause fort ist. Seine Tour ist nicht allzu weit. In manchen armen Gegenden müssen die Hausierer oft monatelang von zu Hause fort sein. Manche sind wegen ihres Handels sogar bis nach Amerika ausgewandert.

 

 

Als er das Haus betritt freuen sich seine Kinder Laura und Vinzenz, daß der Vater endlich wieder da ist. Seine Frau Melanie kommt gerade aus ihrer Küche herbei, sie lächelt froh. "Du kommst gerade recht, das Essen wird gleich fertig sein."

Nach dem Essen meint Joseph "Ich muß noch meine Einnahmen in meinem Heft nachtragen. Weißt du Melanie, die Zukunft macht mir Sorgen. Ich möchte nicht das ganze Leben Hausierer bleiben, der Handel ist einfach zu begrenzt." "Vielleicht könntest du dir in einiger Zeit einen Maulesel kaufen", meint seine Frau. "Ich denke immer mehr daran", antwortet Joseph nachdenklich. "Auf diese Weise hat Fritz Silcher einmal in seiner Jugend angefangen. Ich habe ihn letzthin auf der Straße nach Mauldorf getroffen. Wenn du nur diesen Wagen sehen könntest! Ein richtiger fahrender Laden! Für die Haushalts- und Eisenwaren, die er auf den großen Märkten verkauft, ist er ein wahrer Fachmann geworden. Jetzt träumt er davon, mit seiner Frau ein Kolonialwarengeschäft zu eröffnen. Wir sind ein Stück Weg gemeinsam gegangen. Fritz Silcher mußte zum Schmied, in der Nähe vom Wirtshaus, um eines seiner Pferde beschlagen zu lassen. Dieser Schmied hat einen ausgezeichneten Ruf als Handwerker im ganzen Umkreis. Er kuriert auch die Tiere und schmiedet allerhand landwirtschaftliches Werkzeug für die Bauern. Als es noch Postkutschen gab, wechselte sein Vater die Pferde, während sich die Reisenden im Wirtshaus ausruhten. Sein Sohn fängt allerdings heute an, an alledem zu zweifeln. Er hat mich richtig verblüfft. Er fragt sich, ob die Automobile und die Maschinen mit Motor nicht eines Tages das Pferd ersetzen werden." "Ach was", lacht Melanie, "das ist unmöglich!" Josef schüttelt den Kopf. "Ich denke es auch nicht", sagt er.

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"Immerhin hat der Schmied seinen Ältesten bei sich in der Schmiede behalten. Doch der Jüngste ist in die Großstadt gegangen, um seine Lehre in einer mechanischen Werkstatt zu machen."

 

 

"He, Vinzenz, komm doch Murmeln spielen", ruft Julian, der kleine Nachbar. Die Antwort folgt auf dem Fuß. Vinzenz packt seinen Murmelsack,saust die Treppe hinunter zu Julian, der unten wartet. Julian ist ein Meister in diesem Spiel. Vinzenz muß sich ganz schön anstrengen. Die Straße gehört den Kindern. Sie ist ihr Spielplatz. Mädchen und Jungen, kleine und große, treffen sich dort, wenn sie einen Augenblick Zeit haben. Da können sie sich austoben, springen, rennen oder sich tausend Arten von Spaß und Kurzweil ausdenken. Außerdem ist auf der Straße immer etwas los. Es brauchen nur ein paar Zigeuner, Sänger oder fahrende Musikanten vorbeizuziehen, und schon unterbrechen alle ihr Spiel. Manchmal wandert der alte Matthäus langsam mit seinem Esel und seiner Drehorgel vorbei. Unablässig dreht er die Kurbel des Instruments. Plötzlich ist Musik in der Luft, und alles bekommt einen festlichen Glanz. Die Kinder kommen angerannt. Als Dank geben die Passanten dem Musiker ein paar Münzen.

Von morgens bis abends laufen zahlreiche Händler herum, die ihre Waren verkaufen: Milch, Früchte, Gemüse, Blumen, Haushaltswaren, Luxusgegenstände oder etwas ganz Modisches....

 

 

Andere bieten ihre Dienste an, sei es der Scherenschleifer, der Mann, der kaputtes Porzellan und Steingutware kittet, der Kaminkehrer oder der Glaser, der in kurzer Zeit den Schaden repariert, den ein böser Windstoß, ein schwerer Hagel oder Ungeschicklichkeit angerichtet haben. Jeder hat seinen eigenen Ruf oder seine eigene kleine Melodie: "Der Scheeee-renschleifer ist da, der Scheee-renschleifer ist da, schleift Messer, Scheren, Rasiermesser, Klingen!"singt Vater Bollmann und bimmelt heftig mit dem Glöckchen. Von all diesen Handwerkern mag Vinzenz Vater Bollman am meisten. Sobald er ihn hört, springt er nach Hause und fragt seine Mutter, ob sie nicht ein Messer oder Werkzeug zum Schleifen hat. Heute hat sich Vater Bollmann auf dem Platz niedergelassen. Er beugt sich über seinen Schleifstein und tritt ein Pedal, das über ein großes Rad einen Stein in Bewegung setzt, der sich immer schneller dreht. Wenn das Messer an den Stein gehalten wird, singt es und die Funken sprühen.

 

 

"Ich geh zu Vetter Hans",sagt Laura zu ihrem Bruder. "Er hat mir gewinkt. Er will sich seine Scheren schleifen lassen." Vetter Hans ist Schneider: Seine Werkstatt liegt unmittelbar am Platz. Laura liebt es ihm Gesellschaft zu leisten. Er gibt ihr Stoffreste, die er nicht mehr braucht, Faden und eine Nadel, damit näht sie Kleider oder Brusttücher für ihre Puppe. Vetter Hans sitzt im Schneidersitz auf seinem Arbeitstisch. Während er näht, schaut er manchmal über seine Brillengläser und beobachtet Laura. "Ich glaube aus dir wird eine gute Schneiderin;" sagt er lächelnd! Ich war so alt wie du, als ich angefangen habe, den Beruf meines Vaters zu erlernen. Er besaß keine Werkstatt wie ich. Er war ein Wanderschneider, der die Gegend abgraste und sich in Bauernhäusern verdingte. Er richtete sich in der Scheune ein oder arbeitete auf dem Eßtisch der in der Stube stand, und schneiderte dort die Kleider für die ganze Familie. Aber weißt du, trotz seiner Arbeit wurde der Schneider wenig geschätzt. In den

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meisten Fällen hatte er diesen Beruf gewählt, weil er schwächlich, bucklig, gebrechlich oder kränklich war wie mein Vater. Die Frauen verstanden sich gut mit ihm, die Männer verachteten ihn etwas, weil er nicht die harte Feldarbeit verrichtete wie sie selbst. In ihren Augen galt er nur als halber Mann. Da ist ja Vinzenz, komm setz dich. Doch ich muß bald zu Meister Wiegand, um ein Stück Stoff bei ihm abzuholen.

 

 

"Der Weber, Vetter Hans? Dürfen wir mit?" bitten die Kinder. "Sicher. Ihr werdet sehen, wie der noch auf seinem alten Handwebstuhl arbeitet. Mit der Erfindung der mechanischen Weberei in den Fabriken verschwindet dieses Handwerk mehr und mehr. Das kleinste Dorf hatte früher seinen Weber. Wenn die Bauern Tuch bestellten, brachten sie selbst die Wolle, den Flachs oder den Hanf. Die Frauen hatten abends beim Zusammensitzen in der Spinnstube mit dem Spinnrad gesponnen. Aus diesem starken Faden machte der Weber einen so ausgezeichneten Stoff, daß er nicht totzukriegen war. Ein gutes Hemd hatte man fürs Leben. Während der langen Wintermonate arbeiteten viele Weber zu Hause bei der Familie. In der guten Jahreszeit waren sie auf dem Feld oder übten einen anderen Beruf aus Die Werkstatt von Meister Wiegand liegt etwas tiefer als das Erdgeschoß, in einer Art kühlem, halbdunklem Keller. Der gestampfte Lehmboden spendet die unerläßliche Feuchtigkeit, die für die Festigkeit des Fadens nötig ist. Der Weber sitzt auf seinem Webstuhl und tritt die Pedale. Die am Kettenbaum gespannten Fäden teilen sich in zwei Flächen, die Kettfäden oben und die unten. Zwischen diesen  Flächen wirft er sein Schiffchen mit dem Faden hin und her und läßt mit einem harten Schlag den Schaft herunter, damit der Weberkamm den Schußfaden an den Stoff herandrückt. So webt er mit der gleichen regelmäßigen Bewegung vom Morgen bis in die Nacht begleitet von dem eintönigen Geklapper des Webstuhls. "Wie geht das langsam", flüstert Vinzenz. "Du hast recht", sagt Frau Wiegand, indem sie Faden auf Spulen spult. "Mein Mann hat keinen Gehilfen mehr, deshalb gehe ich ihm zur Hand. Siehst du, hier richte ich die Spulen mit dem Faden, der in die Schiffchen kommt. Ich helfe ihm auch die Kettfäden auf den Kettenbaum zu spannen. Manchmal, wenn Not am Manne ist, nehme ich seinen Platz ein, aber nur, wenn das Gewebe einfach und ohne Muster ist." "Hier Hans, haben Sie Ihr Tuch"; sagt der Weber. "Kinder, ihr könnt wiederkommen!"

 

 

Jakob, der Schuster ist ein rechtschaffener Mann, fröhlich, gefällig und arbeitsam. Ihm fällt immer etwas ein, um allen Wünschen seiner Kunden gerecht zu werden. Ob es ums Nähen geht, ums Nageln, Lederausschneiden, ums Lederweichklopfen oder um das Wiederbefestigen der Hinterkappen der Stiefel, oder ob das Oberleder geflickt, neue Sohlen angefertigt werden müssen. Jeder Arbeit ist ihm recht, nichts bringt ihn um die gute Laune."Willst du etwa schon die Stiefel deines Vaters abholen ?"sagt er zu Vinzenz, als er diesen erblickt. "Sie sind noch nicht ganz fertig. Entweder du geduldest dich, oder du kommst in etwa einer Stunde wieder. " Vinzenz lächelt. "Das macht nichts, Herr Jakob. Ich werde warten." Vinzenz sitzt gerne auf den Stufen vor der Werkstatt und schaut dem alten Handwerker bei der Arbeit zu. "Was hab ich in meine Leben schon an Schuhen reparierterzählt der Schuster, indem er an dem Schuh raspelt. "Wenn man bedenkt, daß ich in meiner Kindheit noch  nicht einmal ein Paar Schuhe besaß. Ich war nicht der einzige, denn sie kosteten viel und nutzten sich schnell

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ab. Viele arme Leute konnten sich diesen Luxus gar nicht leisten. Solche, die Schuhe hatten, trugen sie nur bei wichtigen Gelegenheiten. Um ihre Schuhe zu schonen, liefen die Bauern barfuß und hängten ihre zusammengeknoteten Schuhe über die Schulter oder über ihren Arm. Sie zogen sie erst an, wenn sie an das Stadttor kamen."

Laura kommt mit der Milch zurück, die sie geholt hat. Vinzenz, der hinter ihr hergerannt kommt, mit den Stiefeln des Vaters, bricht in Gelächter aus. "Warum lachst du so albern, ach du bist einfach blöd!" sagt sie gereizt. "Schau doch deine Kanne an". Ja, er hat recht, die Kanne hat ein Loch, sie rinnt. Die Milch tröpfelt langsam und stetig auf die Straße.

 

 

"Ihr müßt morgen zu den Kesselflickern", sagt Melanie als die Kinder zurückkommen. "Ich habe sie heute auf der Straße gehört, als sie vorbeigingen. Sie lagern am Ausgang der Stadt." Die Gebrüder Dako ziehen durch das ganze Land. Sie gehen zu den Häusern und holen Wannen, Töpfe, Wasserkessel, Eimer und andere Gegenstände aus Eisen, Kupfer oder Zinn ab, die sie löten oder sehr geschickt flicken. Die Werkzeuge, die sei zum Reparieren benützen, sind ziemlich einfach: Zange, Feile, Lötkolben und Hammer. Das Zinn wird in einem Kochkessel erhitzt, der auf einem dreifüßigen Gestell steht; ein Blasebalg hält das Holzkohlenfeuer unter dem Kessel in Gang. Der Gegenstand, der geflickt werden soll, wird sorgfältig mit Säure abgebeizt. Dann wird er rasch in das auf dem Feuer stehende flüssige Zinn getaucht und dann in eine Wasserwanne zum Abkühlen. Nachdem er abgetrocknet und abgerieben ist, bekommt er einen Glanz ohnegleichen. "Zeig mal die Kanne her

2, sagt einer der Kesselflicker zu Vinzenz. "Das ist kein großes Unglück, ein bißchen löten genügt." Er nimmt zwei kleine Stangen Zinn, läßt sie mit einem Lötkolben schmelzen und flickt das Loch in ein paar Minuten. "Mutter läßt fragen, ob Ihr ein paar neue Stangen in ihren Regenschirm ziehen könntet", fragt Laura den anderen Kesselflicker. "Sicher, mein Fräuleinchen. Aber du mußt ihn mir hierlassen."

 

 

Laura und Vinzenz sind seit dem Morgengrauen wach. Sie sind ganz zappelig, denn heute ist Markttag, und die Großeltern kommen, um Gemüse und Früchte von ihrem Bauernhof zu verkaufen. Heute abend dürfen die Kinder mit ihnen im Pferdewagen nach Hause fahren und ein paar Tage auf dem Hof verbringen.

Der große Markt ist eines der wichtigsten Ereignisse im Jahr. Die ganze Umgebung trifft sich da. Lange im voraus plant ein jeder sein eigenes Vorhaben. Dies oder jenes Tier muß verkauft oder getauscht werden, ein anderes wird erworben, man muß unerläßliche Einkäufe für den Alltag machen. Es ist eine gute Gelegenheit, andere Menschen zu treffen. Die Leute kommen oft von weit her. Früh morgens haben sie sich im Sonntagsstaat auf den Weg gemacht, der eine zu Fuß, der andere auf dem Esel oder im Pferdewagen. Die Leute kommen an., gerade wenn der Markt eröffnet wird. Das ist der Augenblick in dem man die besten Geschäfte macht. Viele haben so viel zu erledigen, daß sie bis zum Abend nicht fertig werden. Dann müssen sie übernachten, sei es im Stroh, im Schutze ihres Wagens oder im Wirtshaus, wenn man sich diese Ausgabe erlauben kann.

Laura und Vinzenz haben ihre Großmutter mitten unter den Verkaufsständen gefunden. Der Markt ist groß, man findet alles. Hier ist der Platz für das

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Getreide, das Holz und die Werkzeuge. Dort verkauft man junges Gemüse, da sind die Kleintiere: Schweine, Ziegen, Gänse, Truthähne....Etwas weiter weg sind die Kühe mit ihren Kälbern und die Pferde auf einer abgezäunten Wiese. Händler und Käufer verhandeln lautstark. Die einen preisen ihre Ware an, die anderen setzen sie herab und versuchen, die Preise zu drücken. Ist der Handel beschlossen, wird er mit einem kräftigen Handschlag besiegelt. Ein Rückzieher ist nicht mehr möglich! Woanders stehen Buden, in denen man Stoff verkauft, aber auch Unterwäsche, Geschirr, sogar Lebkuchen und Bonbons... Die Kneipen sind in Zelten untergebracht. Da wird kräftig gegessen und getrunken. Man erkennt sich von einem Tisch zum anderen, ruft hinüber und tauscht Nachrichten aus. Man lacht und singt.

Plötzlich bricht eine Höllenmusik los. Sie übertönt das Stimmengewirr der Leute. "Ah so ", sagt Großmutter, "der Quacksalber operiert wahrscheinlich wieder einen Kunden . Geht hin Kinder, wenn ihr Mut habt..." "Nein, o nein!" schreit Laura entsetzt. "So ein Hasenfuß", spottet Vinzenz. "Ich gehe ohne dich!" Später kommt er ganz aufgeregt zurück. "Es ist mir gelungen, mich bis in die erste Reihe zu schmuggeln. Es war gar nicht so leicht, weil da so viele Leute standen. Ich habe gesehen wie er den Zahn gezogen hat. Er hat ihn nachher sogar gezeigt, als er die Zange emporhielt. Das war ein Backenzahn. Die Musikanten spielten so laut, daß ich nicht mal weiß, ob der Arme geschrien hat." Der Mond schien, als sie gestern müde zurückkamen. Heute morgen ist Vinzenz schon lange auf den Beinen, als Laura endlich aufwacht. "Ich habe mit Großvater die Kühe gemolken", prahlt er, überzeugt, daß sich seine Schwester darüber ärgern wird. "Schade, daß du noch geschlafen hast.. Ich werde ihm jetzt beim Holz spalten helfen. Man muß das schöne Wetter ausnutzen." Laura ist verstimmt. Sie antwortet ihm nicht und rennt in die Küche. Das ist der wichtigste Raum im Haus, wo sich alle aufhalten, wenn sie nicht draußen beschäftigt sind. Großmutter ist nicht da, aber auf dem Tisch steht eine große Tasse Milch, die sie Laura hingestellt hat. Sie ist sicher im Gemüsegarten, denkt Laura, oder füttert die Hasen. Morgen werde ich sie begleiten.

Sie schaut sich um: Hier steht die ihr so vertraute Anrichte, auf der das gute Brot liegt, daß Großmutter selbst bäckt, und wo die vollen Honig- und Marmeladegläser in Reih und Glied stehen; da der Geschirrschrank mit den Schlitzen, in die jeder seine Gabel und seinen Löffel steckt. Hier in der Küche finden auch die Mahlzeiten statt. Großvater duldet nicht, daß bei Tisch gesprochen wird. Man ißt schweigend, nur die alte Wanduhr tickt. "Nun, hat du gut geschlafen ?" fragt Großmutter, die zur Tür hinein kommt. "Komm hilf mir das Körnerfutter für die Hühner vom Speicher zu holen." Zum Speicher kommt man über eine enge und steile Holztreppe. Da oben riecht es gut nach Großmutters Kräutern, die sie zum Trocknen in kleinen Büscheln zusammenbindet und mit dem Kopf nach unten aufhängt. Sie kennt alle Geheimnisse der Pflanzen: Wo sie wachsen, wann man sie ernten muß, wie man sie aufbewahrt. Sie weiß auch, wie man sie benutzt: als Tee, um hohes Fieber zu senken oder Bauchweh zu lindern, als Pflaster für Bienenstiche und Verbrennungen....  Neben dem Hof wohnt Onkel Leonhard, Mamas Bruder, mit seiner Frau Martha. Er arbeitet auf dem Feld mit Großvater und dem Knecht Ludwig. Martha geht Großmutter zur Hand. Sie besorgen den Haushalt, sorgen für die Tiere, backen das Brot, machen die Butter, den Käse , das Eingemachte und waschen die Wäsche. Es gibt wenig Wasser auf dem Hof. Man holt es aus dem Brunnen, Eimer für Eimer. Einmal in der Woche wird die Leibwäsche im Fluß am Eingang des Dorfes auf dem öffentlichen Waschplatz gewaschen. Die

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 große Wäsche, also die Bettwäsche, die Tischdecken, Küchen- und Handtücher, findet zwei- bis dreimal im Jahr statt. Es ist eine harte Arbeit, die drei Tage dauert.  Man sortiert erst die Wäsche, die man den ganzen Tag einweicht. Dann schaffen die Männer eine schwere Holzbütte auf einem Gestell herbei und legen deren Boden mit einer dicken Schicht Stroh aus, die das Abfließen des Wassers erleichtert. Die Wäsche wird Stück für Stück sorgfältig in der Bütte aufeinander geschichtet, und damit sie gut riecht, legt Großmutter getrocknete Schwertlilienwurzel und Lorbeerblätter dazwischen. Wenn die Bütte voll ist, bedeckt man sie mit einem großen Tuch, auf das man die Holzasche von Nadelbäumen, Nußbäumen oder Eichen streut. Das Wasser wird in einem besonderen Heizkessel angeheizt. Sobald es zu kochen beginnt, nimmt die Wäscherin einen Behälter, schöpft von dem kochenden Wasser und schüttet es auf die Holzasche. Das Wasser dringt langsam durch die Wäsche und fließt durch die Abflußöffnung der Bütte ab in eine Rinne, die die Lauge wieder in den Heizkessel führt. Dieser Arbeitsgang wird während acht bis zehn Stunden immer wiederholt. Am darauffolgenden Tag wird die Wäsche auf dem Handwagen bis zum öffentlichen Waschplatz des Dorfes am Fluß gefahren, um dort wieder eingeseift, gebürstet, geschlagen und kräftig gespült zu werden. Die Wäsche wird zuletzt in der Sonne ausgebreitet, entweder auf den Hecken oder auf den Wiesen. Bald ist die Wäsche trocken. Sie muß jetzt  nur noch gebügelt und in den großen Schrank in der Wohnstube eingeräumt werden.

 

 

Großmutter verdient sich etwas Geld, auf das sie sehr stolz ist. Sie verkauft die Federn ihres Federviehs an die Bettfedernfabrik, mit denen Kopfkissen, Federbetten und Plumeaus gefüllt werden. Die größte Vorliebe hat Großmutter für ihre weißen Gänse. Ihr Fleisch ist vorzüglich, und ihre Federn lassen sich teuer verkaufen. Die Daunen sind leicht einzufärben udn eignen sich besonders umd Kissen und Federbetten zu füllen.

 

 

Von weitem hört man einen Trompetenstoß. "Ah, jetzt kommt Alfons!" Großvater freut sich. "Vinzenz hol schon einen Stuhl und eine Schemel, damit wir keine Zeit verlieren." Alfons ist der Barbier der ganzen Gegend. An jedem Wochenende macht er sich auf mit seinem Köfferchen  auf dem Rücken, frisiert Haarschöpfe weit im Umkreis und rasiert Bärte. Die meisten Bauern fürchten sich vor seinem Rasiermesser, aber wenn der Sonntag kommt, wollen sie alle mit glattrasierter Haut glänzen. Unser Barbier rasiert "über den Daumen oder über den Löffeö!". Damit die Backe schön gespannt ist, steckt er den Daumen  Mund seines Kunden.... Manchmal hat er ihn vorher in Schnaps getaucht, das ist so üblich. Wenn er Kunden hat, die etwas empfindlich sind wie Großvater, nimmt er statt des Daumens einen Löffel...

 

 

"Großmutter, machst du heute Besorgungen?" will Laura wissen. "Können wir mitkommen?" "Wenn ihr Lust habt, Kinder! Ich richte den Einkaufskorb und die Ölflasche, denn ich hab kaum noch welches." Großmutter weiß natürlich, warum die Kinder Besorgungen machen wollen. Der Krämerladen ist so anziehend. Man kann nur davon träumen, wenn man die Auslage gesehen hat mit den großen bunten Glasbehältern voller Bonbons, Pfefferminz, Lakritze und Lutschstangen. Sobald die Kinder einen Pfennig in der Tasche haben, stürzen sie zu den

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Ruhms, um etwas Süßes zu kaufen. Dort finden sie ihre Murmeln, die bunten Bleistifte und Schnur für die Drachen.

Im Krämerladen findet man alles. Frau Ruhm kennt sich aus in ihrem Krimskams, und sie hat die seltene Gabe, alles wiederzufinden, was der Kunde braucht: Schnürsenkel, Knöpfe, Petroleum für die Lampen, Töpfe und Staubwedel, Tee, Gewürze. Die Wände sind bis zur Decke mit Regalen und Schubläden verstellt voller Kakaobüchsen, Pyramiden von Seife, Salz, Sirup, Steinkrügen mit Senf und großen Zuckerhüten, die man mit einem Beil zerteilt, um die gewünschte Menge zu erhalten.

Die Waren werden stückweise verkauft, nach Gewicht oder Maß. Sie werden Frau Ruhm in Kisten oder großen Jutesäcken geliefert. Der Kaffee kommt grün ins Haus und ist noch ungebrannt. Jeden Tag macht Herr Ruhm frischen Kaffee in der Kaffeeröstmaschine, und der gute Geruch verbreitet sich überall, bis auf die Straße. Der Krämerladen ist auch bekannt als ein beliebter Treffpunkt, wo die Frauen ein Schwätzchen halten. Ruhms haben nie Eile. Sie lieben es, Zeit zu haben, um die letzte Neuigkeit zu hören, die bald im ganzen Dorf in Umlauf sein wird...

 

 

Vinzenz kommt hinkend zur Großmutter. "Weißt du, Großmutter, meine Holzschuhe drücken mich. Ich glaube, sie werden mir zu klein." "Du hast recht, die letzten Monate bist du sehr gewachsen. Ich meine, wir sollten zu Tönje gehen, um ein neues Paar zu kaufen. Vielleicht kann Markus mit dir gehen." Na, das nennt man Glück haben, denkt Vinzenz. Markus ist der Sohn des Bauern von nebenan und ein guter Freund. Wenn er nicht in der Schule ist, arbeitet er immer auf dem Hof. Markus freut sich bestimmt über die unverhoffte Freizeit.

Tönje, der Holzschuhmacher, hat seine Werkstatt am anderen Ende des Dorfes. Seine Familie lebt schon seit Generationen vom Holz. Schon sein Großvater war Holzschuhmacher. Er hat ihn gelehrt, die Harze der Bäume zu schätzen, zu beurteilen, wieviel Scheite Holz ein Baum gibt, die Jahreszeit zu bestimmen, in der die Bäume gefällt werden müssen, je nach dem Stand des Mondes und der Winde. Damals arbeitete die ganze Familie im Wald. Die einen schnitten das Holz zurecht, während die anderen die Holzschuhe anfertigten. Sie lebten in Erd- und Laubhütten, die sie dort am Ort, wo die Bäume gefällt wurden , errichteten. Mit zwanzig hatte Tönje seine Gesellenzeit begonnen und war durch ganz Deutschland gewandert. Als er zurückkam, ließ er sich im Dorf nieder. Seitdem macht er die Holzschuhe für alle Füße der Umgebung. Zwei seiner Söhne arbeiten mit ihm. Sie teilen sich die Arbeit auf. Der Vater bearbeitet die Holzscheite mit der Axt und dem Ziehmesser und gibt ihnen die äußere Form eines Holzschuhs. Sein Jüngster höhlt den Schuh mit einem Löffelholz aus, und Peter, der Älteste, bearbeitet ihn mit dem Schabeeisen, bis er glatt ist. Er bemalt und verziert die Holzschuhe , je nach dem Geschmack seines Kunden.

"Guten Tag, Herr Tönje. Ich bringe Ihnen den Vinzenz. Er braucht neue Holzschuhe", sagt Markus laut, der mächtig stolz auf seinen Auftrag ist. "Tatsächlich, es ist dringend", sagt der Holzschuhmacher, als er die Schuhe von Vinzenz sieht. Was gibt es praktischeres als eine Holzschuh? Er fürchtet weder Schnee noch Regen noch Dreck. Wenn man ihn mit Stroh ausstopft, schützt er die Füße vor Feuchtigkeit und hält sie Warm. Auf steinigen Straßen nützt er sich schnell ab, aber dafür ist er so billig. "Probier mal an", sagt der Handwerker. "Sie sind aus Buchenholz und sollten dir passen. Es sei denn, daß du Weidenholz vorziehst wie deine Großmutter?"  "Nein, kein Weidenholz",

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entscheidet Markus. "Das Holz ist zu weich. Der Kies auf der Straße gräbt sich in die Sohle ein, dann kann man im Winter nicht mehr auf die Eisbahn zum Rutschen.."  "Du bist ein Kenner", sagt Peter anerkennend. "Wir gingen immer auf den Kreuzweiher. Wie kam ich zurück? Kaputte Holzschuhe, zerrissener Hosenboden... und beim Nachhausekommen noch den Hosenboden versohlt."

 

 

"Los Kinder, rein in den Wagen, wir Fahren zur Mühle!" ruft Onkel Leonhard. Das braucht er nicht zweimal zu sagen. Onkel Leonhard nimmt den Weg, der durch die Reben bis zur Hochebene führt. Von dort sehen sie die Mühle und den Schäfer Thomas mit seiner Herde. Sobald es schönes Wetter wird, verläßt er den Schafstall und führt die Herde auf die Weide. "Wie gerne würde ich in seinem kleinen Schäferhäuschen leben", seufzt Vinzenz. "Diese Hütte auf Rädern ist eher primitiv", sagt Onkel Leonhard. "Um hinein zu kommen und sich aufs Stroh zu legen, kann man nur auf allen Vieren vorwärts oder rückwärts kriechen. Als ich noch ein Junge war, Träumte ich davon , Schäfer zu werden. Mein Großvater, der sehr schlau war, ließ mich eines Tages mit der Herde des Dorfes ziehen. Glaubt mir, ich habe sehr schnell verstanden, daß sich nicht jeder eignet, Schäfer zu werden. Man muß  ganz schön robust sein und so viele Dinge wissen: unentwegt die Tiere hüten, sie füttern, sie tränken, gute Weiden finden, sie im Frühjahr scheren, den Mutterschafen helfen, wenn sie ihre Lämmer werfen, sie pflegen, wenn sie krank sind oder einen Unfall haben. Thomas ist ein Meister darin, wie er seine Tiere führt. Sein Hund versteht ihn ohne viel Worte. Eine Bewegung, Ein Ruf, ein Schnalzen mit der Zunge oder mit den Ringern und schon holt der Hund das Schaf ein, das sich von der Herde entfernen wollte."

 

 

Früher und heute

Reisen mit der Postkutsche

 

Wer vor 200 Jahren verreisen wollte, der__________mit der Postkutsche. Den Holzwagen mit seinen vier Rädern ______________Pferde. In den Wagen __________________ nur sechs bis acht Personen hinein. Das Gepäck _______________man auf dem Dach. Und los _____________die Fahrt! Der Kutscher ____________hoch oben auf dem Sitz. Eine Fahrt von Hamburg nach München _____________viele Tage. In der Postkutsche ________________man sich kaum bewegen. Die Fahrt ________________________über holprige Wege und Straßen. Auf jeder Poststation ___________man an und _____________neue Pferde ein. Man _____________ sehr unbequem. Eine lange Fahrt ___________wirklich kein Vergnügen.

 

Reisen mit der Eisenbahn

 

 

Wer heute verreisen will, der ____________ mit dem Auto oder der Eisenbahn. Den Zug __________eine E-Lok, die 200 Kilometer in der Stunde _____________. Man ___________ in einem Abteil und __________ aus dem Fenster. Die Landschaft ____________nur so an einem vorüber. Die Fahrt ___________ über ruhige Schienenwege. Eine Reise von Hamburg nach München ________________ heute nur noch acht bis neun Stunden. Im Zug ___________ man sogar essen und trinken. Ein paarmal ________ der Zug unterwegs an. Auf manchen Bahnhöfen, man nennt sie "Sackbahnhöfe", __________ man eine neue Lok vor den Zug. Man _____________ heute wirklich bequem mit der Eisenbahn. Die Fahrt _______ eine Vergnügen.

 

Setze folgende Zeitwörter ein:

dauert - dauerte - fährt - fliegt - fuhr - führte - geht -  ging -  hält - hielt - ist - kann - konnte - paßten - reist - reiste - saß - schafft - schaut - sitzt - spannt - -spannte - stapelte - war - zieht - zogen -

 

 

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